Carolus Clusius oder Charles de I’Escluse (19. Februar 1526 - 04. April 1609 )

Über seine Person und sein privates Leben wissen wir verhältnismäßig wenig, obwohl er für seine Zeit viel geschrieben hat, in erster Linie wissenschaftliche Texte, botanische und medizinische Abhandlungen. Eines ist sicher: Nachdem er den Ruf erhalten hatte, den Garten in Leiden zu leiten, war er der berühmteste und wichtigste Botaniker in Europa. 

Clusius kam 150,1886,2466237,0026 als Sohn einer adeligen Familie zur Welt. Sein Geburtsort Arras ist heute die Hauptstadt des französischen Départements Pas-de-Calais. Er studierte zuerst Jura in Louvain und Marburg, anschließend Medizin in Wittenberg. Im Jahr 1550 lebte er eine Weile in der Schweiz, bevor er sein Studium in Montpellier fortsetzte. Angesichts der reichen Flora in der Landschaft um Montpellier erwachte seine Liebe zur Botanik. Hier schuf er auch sein erstes botanisches Werk, eine Übersetzung des gerade erschienenen Kräuterbuchs von Rembertus Dodonaeus ins Französische.
Ab 1560 war Clusius zwei Jahre lang in Paris, dann wieder für kurze Zeit in den Niederlanden. Auf seiner ersten wissenschaftliches Expedition 1564 reiste Clusius 2 Jahre lang kreuz und quer durch Spanien und Portugal, wo er mehr als 200 neue Pflanzenarten entdeckt, gesammelt und beschrieben hat. In den folgenden Jahren war Clusius hauptsächlich mit dem Übersetzen von spanischen und portugiesischen Botanikbüchern ins Lateinische beschäftigt, bis er endlich sein erstes eigenständiges Werk, eine Flora von Spanien, "Historia Stirpium per Hispanias" fertig stellen konnte. Auf einer längeren Reise durch England im Jahr 1571 lernte er ein spanisches Buch kennen, eine "Flora der Neuen Welt" von Nicolas Monardes. Drei Jahre später veröffentlichte Clusius eine lateinische Übersetzung dieses Werks und lernte dabei viel über die Fülle der amerikanischen Pflanzenwelt kennen.

Von entscheidender Bedeutung für seine weitere wissenschaftliche Laufbahn war der Ruf nach Wien im Jahr 1573. Kaiser Maximilian II. hatte Clusius beauftragt, dort einen Hortus medicus, einen Apothekergarten, zu gründen und zu leiten; später sollte er auch den kaiserlichen Garten in Prag leiten. Clusius blieb weitere vierzehn Jahren im Dienst des Kaisers, zusätzlich zu seinen Aufgaben am kaiserlichen Hof bereiste er in dieser Zeit ganz Österreich und Ungarn, um die heimische mitteleuropäische Flora zu erforschen. Die Ergebnisse dieser Expeditionen fasste Clusius 1583 in einem wissenschaftlichen Werk zusammen, in seiner " Rariorum Stirpium per Pannoniam, Austriam et vicinas provincias observatarum historia". In Wien sah Clusius zum ersten Mal eine Tulpe - eine Begegnung, die für ihn und später für ganz Holland weitreichende Konsequenzen haben sollte. Wien war im 16. Jahrhundert eine der wenigen Pforten Europas zur Türkei und zum moslemischen Orient, wo die Tulpe schon eine sehr lange Tradition als Lieblingsblume der Sultans hatte. Der flämische Edelmann Ogier Ghiselin de Busbecq, ein Freund Clusius', wurde der Gesandte des Kaisers am Hof des Sultans Suleiman I. Suleiman war ein begeisterter Liebhaber und Sammler von Tulpen. De Busbecq ließ seinem Freund Tulpensamen nach Wien und Prag zukommen, wo Clusius seine ersten Erfahrungen mit diesen exotischen Zwiebelblumen machen konnte. Die Vorliebe für Tulpen und andere Zwiebelblumen begleitete ihn sein ganzes Leben lang, und als er wenige Jahre später nach Leiden ging, hatte er spb_pcard_5elbstverständlich Tulpenzwiebeln im Gepäck. Dies waren die ersten Tulpen, die in Holland geblüht haben.

Im Jahr 1588 verließ Clusius Wien und ging nach Frankfurt, wo er hauptsächlich mit Übersetzungsarbeiten beschäftigt war. Unter anderem hat er in Frankfurt Sir Walter Raleigh's Beschreibungen seiner Reisen nach Virginia übersetzt und so auf dem Kontinent bekannt gemacht. Dort erreichte ihn, den 66-jährigen und inzwischen nicht mehr ganz gesunden Gelehrten, der Ruf nach Leiden, den er postwendend ablehnte. Erst nachdem die Rektoren der Universität und die Bürgermeister der Stadt Clusius einen Helfer bewilligten, lenkte er ein. Am 12. Oktober 1592 erhielt Clusius die feierliche Ernennung zum Leiter des Universitätsgartens in Leiden, eine Stellung, die er bis zu seinem Tod im Jahr 1609 inne hatte.

Sowohl durch den häufigen Wechsel seines Wohnortes als auch durch seine ausgedehnten Reisen nach Spanien, in die Alpen, nach Österreich und Ungarn, lernte Clusius die europäische Flora aus eigener Anschauung kennen wie kein anderer Botaniker seiner Zeit. Keiner seiner Zeitgenossen hat so viele neue Arten entdeckt, sorgfältig beschrieben und abgebildet wie er. Dazu kam, dass Clusius offensichtlich ein sehr disziplinierter, arbeitsamer Mensch war. Innerhalb von zwei Jahren nach seiner Ernennung war der Hortus medicus, sein Universitäts-Garten in Leiden, fertig geplant und angelegt. Ursprünglich ein reiner Lehrgarten, entspricht der Clusius Garten jedoch nicht dem herkömmlichen mittelalterlichen Medizingarten, der in erster Linie als Heilpflanzengarten angelegt war. Clusius brachte hier auch viele Pflanzen ein, die ohne medizinischen Wert waren, schöne oder kuriose Seltenheiten und viele neu entdeckte Pflanzen aus fernen Ländern, aus Indien, Amerika, Kleinasien oder Europa.

Botanik gehörte zu Zeiten Clusius' noch zum Fach Medizin. Aber Clusius war weit mehr als nur Arzt, er war auch ein großer Kenner der Heilpflanzen und einer der ersten Wissenschaftler, der die Pflanzen nicht nur als Heilmittel, sondern auch als eigenständige Lebewesen studierte. Heute ist er zwar hauptsächlich durch die Einführung der Tulpe nach Holland bekannt, doch er hat auch viele anderen Pflanzen eingeführt, erforscht und beschrieben. In Leiden kultivierte er etwa 1200 verschiedene Pflanzenarten und Sorten. Den Kern seiner Sammlung bildeten die reinen Heilpflanzen, die Medizinalpflanzen.

Heute haben viele dieser Heilkräuter ihren Wert in der Medizin verloren, sind aber immer noch bekannt und als Zierpflanzen in unseren modernen Gärten geschätzt. Zum Beispiel Trollius europaeus, die Trollblume, oder Ranunculus acris plenis, die gefüllte Form des Scharfen Hahnenfuß, einer bekannten Wiesenpflanze. Im 16. Jahrhundert waren diese beiden noch wichtige Heilpflanzen, jetzt haben sie nur mehr Zierwert. Clusius kannte auch Iberis sempervirens, die weißblühende Schleifenblume, oder Euphorbia characias, eine sehr schöne Wolfsmilch-Art aus Osteuropa und die wunderschöne gelb-blühende Zwiebelblume, die Kaiserkrone, Fritillaria imperialis lutea. Auch Pflanzen aus den Alpen und Mitteleuropäischen Wäldern wie Anemone pulsatilla, die Kuhschelle, und Hepatica nobilis, die Leberblume, zählten zu den damals recht exotischen Schätzen, die Clusius in seinem Garten hegte.